Diese Geschichte kommt wahrscheinlich vielerorts tagtäglich vor: Da bestellt der Mitarbeiter eines Unternehmens seine neuen Visitenkarten direkt im Druckportal des Mediendienstleisters, der einen Rahmenvertrag mit dem Unternehmen hat. Klassisches Web-to-Print: Der Auftraggeber gibt die Inhalte komfortabel über ein Template ein, die Druckvorlage wird automatisch erstellt. Freigabe im Unternehmen, Produktion und Versand der Visitenkarten werden in einem lückenlosen digitalen Workflow abgebildet. Alles bestens also? Nein: denn es dauert über drei Wochen, bis die Karten produziert und zugestellt sind. Richtiges Web-to-Print muss eben mehr leisten als die Druckvorlagenerstellung übers Internet.
Manchmal ist es ganz hilfreich, die Perspektive zu wechseln. Dann erkennt man sofort, was an einer auf den ersten Blick perfekten Lösung nicht stimmt. In unserem Beispiel ist aus der Sicht der Druckerei erst einmal alles in Ordnung und richtig gemacht. Durch das Druckportal und das Corporate-Design-gerechte Template erstellt der Kunde seine Druckvorlage selbst. Das ist hocheffizient, kostensparend, verhindert Übertragunsgfehler und spart teure Korrekturläufe. Sogar an Genehmigungsprozesse auf Kundenseite wurde gedacht. Und all das wünschen Kunden auch. Sie wollen wenig Aufwand haben, einen günstigen Preis für gute Qualität und….sie wollen eine schnelle Lieferung. Da haben wir es. 3 Wochen Warten auf eine kleine Standarddrucksache? Keinesfalls.
So bewahrheitet sich die umfassendere Definition von Web-to-Print, wie sie der Essener Strategieberater und Industrieexperte Bernd Zipper formuliert. Er geht über die technische Abwicklung von Printproduktionsprozessen übers Web hinaus und schließt ausrücklich die kaufmännischen Prozesse mit ein. Für ihn ist Web-to-Print nicht nur eine Frage der technischen Infrastruktur, sondern auch der Geschäftsstrategie und dadurch der Sicherung der zukünftigen Konkurrenzfähigkeit eines Mediendienstleisters.
Sehen wir uns doch das eingangs genannte Beispiel noch einmal an. Das Dilemma der Druckerei ist offensichtlich: Die effiziente Bestückung ihrer Druckmaschinen ist Voraussetzung für eine effiziente, preiswerte Produktion. Das Sammeln gleichartiger Aufträge hierfür widerspricht allerdings dem Kundenwunsch nach schneller Belieferung. Die Lösung dieses Problems liegt außerhalb der technischen Abläufe. Hier geht es jetzt um Marketing und Vertrieb. Denn nur mit der richtigen Geschäftsstrategie lässt sich Web-to-Print erfolgreich betreiben. In unserem Beispiel hieße dies: Eine größere Kundenanzahl gewinnen, damit man die Druckmaschinen schneller effizient bestücken kann. Das Web nutzen, um zur Kundengewinnung auch geografisch zu expandieren.
Das ist eigentlich alles nicht neu. Aber es tut Kunden weh, wenn für sie Web-to-Print ein Rückschritt gegenüber dem Service von der Druckerei nebenan bedeutet. Doch die alten Produktionsmethoden und Geschäftsmodelle sind schon allein aus Kostengründen nicht konkurrenzfähig. Es kommt eben darauf an, dass Content, Technik und Business gleichberechtigt zusammentreffen. Die Marktführer von Morgen haben das längst erkannt und beginnen es umzusetzen.
Kategorien: Allgemein Print Technik Web
1 Kommentare
Ein interessanter Artikel, der die Problematik von Web-to-print recht gut deutlich macht.
In dem geschilderten Fall, wird also erst eine maximale Auslastung der maschinellen Kapazitäten der Druckerei dazu führen, dass sich die Lieferzeiten deutlich reduzieren. Dies ist aber nur dann erreichbar, wenn die “Insellösung” Web-to-Print durch umfassendes Marketing für das Druckportal der Druckerei, voran getrieben wird. Und genau das verursacht zum Teil so hohe Kosten, dass alle Effizienz bei der Druckvorlagenerstellung und der Produktion wieder aufgehoben wird.